Mutig oder provokativ ?

Heute erschien die neueste Ausgabe der Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“, die vor einer Woche einem grausamen Attentat zum Opfer fiel. Auf dem Cover ist eine weinende Mohammed-Karikatur abgebildet, die ein Schild mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ in den Händen hält. Darüber in großen schwarzen Lettern: „Tout est pardonne“ (Alles ist vergeben).

Cover der aktuellen Ausgabe
Cover der aktuellen Ausgabe

Paris steht noch immer unter Schock, doch das Leben geht weiter. So auch für die verbliebenen Redakteure, die eine neue Ausgabe herauszubringen haben. Sie haben sich vorerst in den Räumen der „Liberation“ eingenistet, da ihre eigenen aus ermittlungstechnischen Gründen nicht genutzt werden können. Mit einer Auflage von drei Millionen (sonst werden ca. 60.000 Exeplare gedruckt, und ca. 30.000 verkauft) und Übersetzungen in diversen Sprachen lassen sich die rund ein Dutzend Mitarbeiter nicht unterkriegen. „Wir haben noch jede Menge Gefühl in uns“, so der Zeichner „Luz“ auf einer gestrigen Pressekonferenz. „Die Terroristen, die uns angegriffen haben, wollen Hass zwischen die Menschen sähen. Ich bin Charlie, ich bin Bulle, ich bin Jude, ich bin Moslem – und ich bin auch Atheist.“

Die Meinungen in der Gesellschaft sind sehr zwiegespalten. Die einen befürworten diese Art der Darstellung, während andere angeben, dass das Magazin eine große Dummheit begehe. Sie würden damit nicht die böswilligen Aktivisten treffen, sondern den Islam an sich schlecht darstellen. Es bestehe die Gefahr, die Muslime aufzuhetzen, die Bislang Mitgefühl und Anteilnahme zeigten.

So eine Darstellung mag vielleicht fragwürdig sein, aber versetzen wir uns mal in die Lage der Mitarbeiter, die bei dem Attentat verschont blieben, zusehen mussten wie Kollegen kaltblütig hingerichtet wurden. Wie verhält man sich nach so einem Erlebnis? Klein bei geben und aus dem Sichtfeld verschwinden, oder in die Offensive gehen und sagen jetzt erst recht? Die Zeichner entschieden sich für letzteres, sagten aber zeitgleich, dass diese Darstellung auch mit etwas Abstand betrachtet werden solle. Eben dieser Mohammed sei viel sympathischer, als die gängigen Darstellungen, er zeigt sogar Gefühle und weint.

Vielleicht lassen wir den Machern von Charlie Hebdo ihre Trauer, ihre Wut, und in gewissem Maße auch ihre Machtlosigkeit ausleben, und nicht zu verbohrt auf die Dinge zu sehen. Für sie ist es sicherlich auch ein Stück Verarbeitung.

 

 

 

Quellen:

Focus, Spiegel

1 Comment

  1. Das Problem dabei ist einfach: Der „Angriff“ von Charlie Hebdo (der glücklicherweise nicht mit tödlichen, sondern mit journalistischen Mitteln durchgeführt wird) trifft zwei Gruppen: Zum einen die islamistischen Extremisten, die den Islam am liebsten als einzig gültige Weltreligion durchdrücken würden.

    Aber zum anderen trifft es eben auch die friedvoll lebenden Muslime auf der ganzen Welt. In ihrer Religion gelten Darstellungen des Mohammed als Gotteslästerung und sind nicht erlaubt. Ich finde, einfach aus Respekt vor der Religion so vieler Menschen – und aus Respekt vor diesen Menschen selbst – sollte man das akzeptieren und nicht partout auf sein Recht (auf Meinungsfreiheit) erzwingen wollen.

    In dieser Angelegenheit haben sich meiner Ansicht beide Seiten falsch verhalten: Die Karikaturisten von Charlie Hebdo haben unter dem Deckmantel der Meinungs- und Pressefreiheit eine Grenze überschritten, die für sie selbst – und die meisten in unserer „westlichen Welt“ – gar keine Grenze darstellt. Aber für die Muslime ist es eben eine Grenze.
    Zum anderen haben sich auch die Extremisten, die die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris angegriffen haben, falsch verhalten. Sehr falsch… Dass das Töten von Menschen absolut keine angemessene Reaktion auf – ja, worum geht es eigentlich? Es geht nur um – Zeichnungen war, steht außer Frage. Damit wurde eine Grenze überschritten, die für fast alle Menschen auf der Welt eine Grenze darstellt.

    Also: Den Tod haben die Redakteure und Karikaturisten von Charlie Hebdo wahrlich nicht verdient, aber sie sind auch keine Unschuldsengel. Sie haben – vermutlich wissentlich – eine ganze Religion beleidigt. Man sollte diese ganze Angelegenheit also nicht – nur weil wir keine Muslime sind – zu einseitig sehen.

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